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Wanderreportagen ABO

Im Schatten der grossen Pässe

Auf einen Blick: Susten BE
10.07.2026 • Text und Bilder: Rémy Kappeler
Beim Steingletscher treffen der alte Säumerpfad und die touristische Passstrasse aufeinander.

Der Sustenpass ist ein verschmähter Handelsweg – und das ist ein Glück für Wandernde, die dem alten Säumerweg folgen. Am Fusse der Gadmer Dolomiten ziehen sich vom Gletscher geschliffene Rundhöcker durchs Tal, dazwischen liegen unberührte kleine Seen, ein Hochmoor, kleine Schluchten.

Hauptgrund für die Bedeutungslosigkeit des Sustens ist seine geografische Lage: Er ist die Querverbindung zwischen den zwei wichtigen Alpentransitstrecken Gotthard und Grimsel. Es gibt hier kaum Susthäuser, und der Säumerpfad wurde nur rudimentär ausgebaut.

Dabei hätte es der Susten im 19. Jahrhundert fast geschafft, aus der Bedeutungslosigkeit herauszufinden. 1811 begannen Bern und Uri mit dem Bau einer «Communicationsstraße», da Napoleon die Grenzen zum eroberten Wallis geschlossen hatte. Die Käseproduzenten der Zentralschweiz waren von ihrem Absatzgebiet abgeschnitten. Die Berner ihrerseits hofften auf Zolleinnahmen und weihten schon 1817 die Strasse auf ihrer Seite des Sustenpasses ein. Doch nach dem Sturz Napoleons war das Wallis wieder zugänglich. Und Uri konzentrierte sich auf den Ausbau des Gotthards. Die Sustenstrasse blieb unvollendet und wurde zum finanziellen Fiasko.

Erst über ein Jahrhundert später begann der Bund mit dem Bau der Passstrasse – als nationales Projekt zur Förderung des Automobiltourismus und der Bergbevölkerung. Der Bau folgte einem ästhetischen Konzept: Er solle «mit der erhabenen Gebirgslandschaft zur Einheit» werden, schrieb der leitende Ingenieur. So wurden alle Betonbauten mit Natursteinen verkleidet, Halteplätze für Autos lagen an fotogenen Orten. Am Eröffnungstag 1946 befuhren 15 000 Automobile die neue Sustenstrasse – etwa zwölf Prozent aller damals in der Schweiz immatrikulierten Fahrzeuge.


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