Lecanographa amylacea Michael Dietrich
Wanderreportagen

Wundersame Überlebenskünstler

Halb Pilz, halb Alge – Flechten sind eigenartige, unscheinbare Lebewesen. Im Steinalper Wald im Kanton Nidwalden finden sie beste Bedingungen. Wer auf einer Wanderung genauer hinsieht, entdeckt hier eine Welt voller Farben und faszinierender Strukturen.
10.07.2026 • Text und Bilder: Simon Koechlin
Der Steinalper Wald ist einer von nur zwei Fundorten in der Schweiz, an dem die Mehlige Strahlflechte gesichtet wurde. © Michael Dietrich

Sie sind unauffällig, zäh – und wachsen fast überall: Flechten zählen zu den häufigsten Lebewesen der Erde. Beinahe auf jeder Wanderung begleiten sie einen auf Schritt und Tritt. Um eine Flechte zu entdecken, reicht ein Blick auf einen Dachziegel, einen Gesteinsbrocken, einen Zaunpfosten oder eine Sitzbank.

Ein Ort, an dem sich Flechten besonders wohlfühlen, ist der gut einen halben Quadratkilometer grosse Steinalper Wald in der Nähe des Wallfahrtsorts Niederrickenbach. Hier hat der Flechtenexperte Michael Dietrich in den letzten Jahren 154 baumbewohnende Flechtenarten entdeckt und bestimmt. «Das ist eine sehr grosse Vielfalt für eine derart kleine Waldfläche», sagt Dietrich. Um diese Vielfalt zu erhalten, haben der Kanton Nidwalden und die Alpgenossenschaft Steinalp 2020 einen Vertrag unterzeichnet, der die Nutzung des Steinalper Waldes für die nächsten 50 Jahre einschränkt; er gilt als sogenanntes Sonderwald-Reservat.

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Im Steinalper Wald wurden bereits 154 Flechtenarten nachgewiesen. Im Bild eine nicht näher identifizierbare Parmelia-Art.

Der Steinalper Wald lässt sich auf einer Wanderung von Oberrickenbach nach Niederrickenbach wunderbar entdecken. Einige Hundert Höhenmeter spart, wer beim Start in Oberrickenbach die Kleinseilbahn hoch zum Hof Schmiedsboden nimmt. Von dort führt der Weg durch den Haldiwald hinauf bis zur Alp Gigi. Über einen steilen «Planggen» geht es nun hinunter zur Mittlist Hütti; ein guter Einstieg in den Steinalper Wald.

Seilbahnen, Bergwiesen und Flechtenwälder
Schmiedsboden — Niederrickenbach • NW

Seilbahnen, Bergwiesen und Flechtenwälder

Nidwalden ist ein «Seilbähnli»-Eldorado. Knapp zwei Dutzend öffentlich genutzte Kleinseilbahnen gibt es in diesem Kanton. Oft sind sie für Bergbäuerinnen und -bauern die einzige Möglichkeit, Güter und landwirtschaftliche Produkte auf Höfe oder Alpen zu transportieren. Doch auch Wandernde und Ausflugsgäste nutzen die Kleinseilbahnen gern. Die Wanderung startet mit einer kurzen Fahrt in der Vierer-Luftseilbahn von Oberrickenbach zum Hof Schmiedsboden. Von dort führt der Weg zuerst hoch über Alpwiesen bis in den Haldiwald. Immer leicht ansteigend, geht es weiter bis zu Ober Sack, wo sich ein eindrücklicher Blick über das Engelbergertal bietet. Nun verläuft der Weg auf einem Grat dem Waldrand entlang und steigt zuweilen etwas ruppiger an. Nach 300 Höhenmetern ist bei der Alp Gigi der höchste Punkt der Wanderung erreicht. Hier würde auch ein Weg Richtung Haldigrat abzweigen, von wo eine Sesselbahn bis Alpboden kurz vor Niederrickenbach hinunterfährt. Denn der folgende Abstieg hat es in sich: Steil geht es über wunderbar blühende Bergwiesen bis Wasserboden und von dort auf einem Feldweg bis zur Oberst Hütti, einem Hof. Nach einem weiteren Abstieg zur Mittlist Hütti biegt der Weg ein in den Steinalper Wald. Dieses Waldreservat ist ein Paradies für Flechten – über 150 Arten wurden hier schon nachgewiesen. Wer genau hinschaut, entdeckt auf Schritt und Tritt solche Mischwesen aus Pilz und Alge. Sie dekorieren die Baumstämme und Äste mit aparten Mustern in weissen, grauen, braunen oder gar gelblichen Farbtönen. Das Waldstück endet auf dem Alpboden, der Talstation der Haldigrat-Sesselbahn. Von hier aus führt ein asphaltierter Weg flach über Weiden, auf denen einige mächtige Ahornbäume dem Vieh im Sommer Schatten spenden. In Niederrickenbach wartet die Wallfahrtskirche – und gleich dahinter das Pilgerhaus mit seinem empfehlenswerten Kuchenbuffet.

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Doppelwesen im Dornröschenschlaf

Für einen Laien ist die dortige Flechtenvielfalt auf den ersten Blick bloss in Ansätzen erkennbar. Was hingegen auffällt: Schneisen für eine Waldbewirtschaftung mit schweren Maschinen fehlen komplett. Weil der Steinalper Wald nicht gut erschlossen ist, war er für die Holznutzung schon früher wenig interessant und wird seit Langem naturnah und schonend bewirtschaftet. Das sei ein wichtiger Grund für den Flechtenreichtum, sagt Michael Dietrich, der ein Umweltbüro für Flechten in Arosa betreibt.

Flechten sind wunderliche Doppelwesen: Sie bestehen aus einem Pilz und einer Alge, die in einer Symbiose zusammenleben. In diese Ehe bringt die Alge Zuckerstoffe ein. Der Pilz liefert Wasser und Mineralstoffe; zudem bildet er das Gerüst, in dem die Alge geschützt vor Trockenheit, Abnutzung oder Fressfeinden leben kann. Über Wurzeln verfügen Flechten nicht, sie nehmen Wasser direkt aus Regen, Schnee und Luft auf. Wenn die Luft zu trocken wird, verfällt die Flechte in eine Art Dornröschenschlaf, in dem sie auch extreme Hitze oder Kälte übersteht.

Aufgrund ihrer Wuchsform werden Flechten unterteilt in Krusten-, Blatt- und Strauchflechten. Krustenflechten bilden flächige Überzüge und sind fest mit dem Untergrund verwachsen. Blatt- und Strauchflechten hingegen sitzen lockerer auf dem Untergrund und lassen sich leicht ablösen; erstere sind von eher zweidimensionalem, lappenartigem Wuchs, letztere wachsen dreidimensional und ähneln oft Miniatursträuchern.

Silbrig, blaugrau und schwefelgelb

Diese Formenvielfalt lässt sich auch im Steinalper Wald beobachten. Beim genaueren Hinsehen erscheinen links und rechts des Weges plötzlich zig solche Gebilde: Von einem Baumstamm leuchtet ein heller, faustgrosser Fleck. Es handelt sich um eine Krustenflechte, den Gewöhnlichen Silberfleck. Ein paar Meter weiter ist ein Ast über und über bedeckt mit blaugrauen, blattartigen Gebilden. Sie gehören zu einer Blattflechte, der Furchen-Schlüsselflechte. Für die Bäume sind die Flechten übrigens harmlos: Sie halten sich bloss auf Stämmen und Ästen fest – und dringen nicht in die Baumrinde ein.

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Die Furchen-Schüsselflechte gehört zu den Blattflechten.

Flechten haben vielfältige Funktionen in Ökosystemen. Sie dienen Insekten, Milben und Schnecken als Nahrung. Vögel wie die Schwanzmeise nutzen sie als Nistmaterial, um ihre Brutstätten auszupolstern oder zu tarnen. In hochalpinen Gebieten oder in der Tundra können Flechten zudem Erosionsprozesse aufhalten und den kargen Boden schützen.

Etwas abseits vom Weg sticht den Wandernden plötzlich etwas Seltsames ins Auge: Ein Baumstamm ist bepudert mit einer Art gelblicher Mehlschicht. Auch dahinter verbirgt sich eine Flechte: die Borken-Schwefelflechte, eine Krustenflechte. Ihre gelbe Farbe stammt von einem Stoff, den der Pilz zum Schutz der Flechte bildet und einlagert. Über 1000 solche Flechtenstoffe sind bekannt; sie wirken antibiotisch oder schrecken Fressfeinde ab. Denn Milben, Schnecken, aber auch Steinböcke und Gämsen haben es hin und wieder auf Flechten abgesehen.

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Schadstoffen ausgeliefert

Der Gewöhnliche Silberfleck, die Furchen-Schlüsselflechte und die Borken-Schwefelflechte gelten als häufig in der Schweiz. Der Steinalper Wald beherbergt jedoch auch Raritäten. 30 der 154 Flechtenarten, die Michael Dietrich hier gefunden hat, stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Beispiele seien die Glatte Schüsselflechte oder die Gelbe Krügleinflechte, erzählt Dietrich. «Eine andere Art, die Mehlige Strahlflechte, galt sogar bis vor Kurzem als ausgestorben.» Aktuell sei in der Schweiz nur noch ein weiterer Fundort dieser Art bekannt.

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Der Gewöhnliche Silberfleck gilt in der Schweiz als häufig.

Solche gefährdeten Arten zeigen die andere Seite des Flechtendaseins in der heutigen Zeit: Zwar sind Flechten in vielerlei Hinsicht zähe Überlebenskünstler. Sie wachsen enorm langsam – selten mehr als ein paar Millimeter pro Jahr – und erreichen biblische Alter von mehreren Hundert Jahren. Doch ihre Lebensweise birgt auch Gefahren: Anders als Pflanzen verfügen sie über kein robustes Gewebe an ihrer Oberfläche. Schadstoffe dringen deshalb ungehindert in sie ein. Die Luftverschmutzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die heutige Überdüngung setzen vielen Arten zu.

Alte Bäume sind wichtig

Für Baum bewohnende Flechten wurde auch die starke Nutzung der Wälder zur Gefahr, sodass heute fast die Hälfte von ihnen als gefährdet gilt. «Für anspruchsvolle, langsam wachsende Arten ist deshalb ein Nebeneinander von sehr alten bis zu jüngeren Baumgenerationen im Wald besonders wichtig – und das von verschiedenen Baumarten», sagt Michael Dietrich. Nur so haben sie genügend Zeit, sich zu entwickeln, sich zu vermehren – und dann wiederum junge Bäume neu zu besiedeln. Im Steinalper Wald sind diese Voraussetzungen gegeben – dank des Status als Sonderwald-Reservat auch in Zukunft.

Nach einer knappen halben Stunde öffnet sich der Wald. Auf einer Lichtung, dem Alpboden, warten ganze Wandergruppen, die mit der Sesselbahn hoch zum Haldigrat wollen. Von hier führt der Weg flach über Wiesen bis nach Niederrickenbach, wo – natürlich – eine Luftseilbahn darauf wartet, die Wandernden bequem ins Tal zu bringen.

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Das Ziel ist in Sicht: Blick auf Niederrickenbach.

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Tipp

Niederrickenbach blickt auf eine fast 500-jährige Geschichte als Wallfahrtsort zurück. Ein kurzer Abstecher in die Wallfahrtskirche Maria-Rickenbach lohnt sich: Die Kirche ist reich ausgestattet mit einem herausragenden Barockaltar, mit der grössten Sammlung an Votivbildern des Kantons Nidwalden und mit einer historisch wertvollen Orgel.

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